Neben dem pädagogischen Team arbeitet in jeder Einrichtung eine zweite Belegschaft: die Hauswirtschaftskraft, die die Wäsche der Kinder wäscht. Der Koch, der weiß, wer seit Tagen nicht isst. Der Hausmeister, der die Tür repariert, die gestern eingetreten wurde. Der Fahrer, der zwanzig Minuten allein mit einem Jugendlichen im Auto sitzt. Die Verwaltungskraft am Empfang, bei der jede Rückkehr aus dem Wochenende zuerst ankommt. Und, in Krisen, der Sicherheitsdienst. Rund drei Viertel der jungen Menschen in der stationären Jugendhilfe bringen traumatische Erfahrungen mit. Auf diese Arbeit bereitet keine dieser Ausbildungen vor.
Warum es diese Qualifizierung braucht
Diese Mitarbeiter sind Teil des Lebensraums, häufig über viele Jahre und mit deutlich geringerer Fluktuation als das pädagogische Team. In Fortbildungsplanung, Supervision und Fallbesprechung kommen sie in der Regel nicht vor.
Ihre Stellung im Haus wird dabei unterschätzt. Gerade weil sie keinen Erziehungsauftrag haben, nichts fordern und nichts über das Kind dokumentieren, sind sie für viele junge Menschen unbelastete Erwachsene. Kinder suchen ihre Nähe, helfen in der Küche, erzählen ihnen Dinge, die im Gruppengespräch nicht zur Sprache kommen. Das ist eine Ressource für den sicheren Ort und zugleich ein Risiko: Rollenunsicherheit, unausgesprochene Geheimnisse, Grenzverletzungen in beide Richtungen und die Not, mit dem Erzählten allein zu bleiben.
Zugleich trifft diese Gruppe die Belastung ungefiltert. Sie wird beschimpft, ihre Arbeit wird zerstört, sie erlebt Eskalationen aus nächster Nähe und steht anschließend ohne Nachbesprechung wieder in der Küche oder im Heizungskeller. Wer dieselbe Tür zum dritten Mal repariert, nimmt es persönlich, wenn ihm niemand erklärt hat, was diese Tür für das Kind bedeutet hat.
Rechtlich sind sie längst eingebunden: Das erweiterte Führungszeugnis nach § 72a SGB VIII knüpft an die Aufgabe und den Kontakt zu den jungen Menschen an, nicht an die Ausbildung. Der Verhaltenskodex des Schutzkonzepts nach § 45 SGB VIII gilt für alle Beschäftigten des Trägers. Ein Qualifizierungsweg existiert für sie bislang nicht: Die zertifizierte traumapädagogische Weiterbildung setzt einen einschlägigen Grundberuf voraus, über den diese Berufsgruppen nicht verfügen.
Aufbau
Ein gemeinsamer Grundlagentag, danach zwei Vertiefungszweige, zuletzt ein gemeinsamer Tag mit Leitung und pädagogischem Team. Für jeden Teilnehmer sind das drei Tage.
Stufe 1 · Grundlagen und Haltung: ein Tag Alle gemeinsam: Sicherheitsdienst, Hauswirtschaft, Küche, Reinigung, Hausmeisterdienst, Fahrdienst, Verwaltung, auch temporär Eingesetzte und Fremdfirmenpersonal. Stressreaktion und Toleranzfenster, der gute Grund, die Entlastungsformel „Ich bin nicht gemeint“, die eigene Rolle im Haus und ihre Grenzen. Gemischte Gruppen sind ausdrücklich erwünscht.
Stufe 2A · Sicherheitsdienst: ein Tag Eigenregulation unter Stress, körperlich geübt. Deeskalation ohne Dominanz. Festhalten als Nothilfe: verhältnismäßig, angekündigt, minimal. Nachtdienst-Szenario. Nachsorge und Selbstfürsorge.
Stufe 2B · Alltagsberufe: ein Tag Nähe und Distanz in einer Rolle ohne Erziehungsauftrag. Zimmer, Schlüssel, Privatsphäre. Zweiersituationen, Geschenke, Fotos, Handynummern. „Was tue ich, wenn mir ein Kind etwas erzählt?“ Weitergabe statt Geheimnis. Umgang mit Beschimpfung und mit der Zerstörung der eigenen Arbeit. Verhalten bei Eskalation im eigenen Bereich: sichern, Hilfe holen, nicht eingreifen.
Stufe 3 · Mandat und Verankerung: ein Tag Leitung, pädagogisches Team, Sicherheitsdienst und Alltagsberufe gemeinsam, mit Beteiligung der jungen Menschen. Rollenlandkarte des ganzen Hauses, Stufenmodell des Einsatzes, Weisungswege bis in Nacht und Wochenende, Meldeweg für Beobachtungen und Anvertrautes.
Auffrischung: halber Tag, halbjährlich Fallarbeit an realen Situationen aus beiden Zweigen, Einarbeitung neuer Mitarbeiter, Fortschreibung des Leitfadens. Verlängert das Zertifikat.
Was in Ihrer Einrichtung bleibt
- Handlungsleitfaden mit den Eskalationsstufen 0 bis 4: getrennt danach, was der Sicherheitsdienst und was die Alltagsberufe tun, einschließlich Nacht- und Wochenendregelung
- Nachsorge- und Reparaturprotokoll für Rückübergabe, Dokumentation und das begleitete Wiedergutmachungsgespräch, in Kurzfassung auch für Beschimpfung und Zerstörung
- Baustein für das Schutzkonzept nach § 45 SGB VIII, der Rolle, Grenzen und Prozesse aller Beteiligten einschließlich des Personals von Fremdfirmen beschreibt
- Eignungscheckliste mit Gesprächsleitfaden, mit eigenen Fragen für Sicherheitsdienst und Alltagsberufe
- Rollen- und Verhaltensleitfaden für die Alltagsberufe, wenige Seiten in einfacher Sprache
- Kindervorlage „Wer arbeitet hier, und was macht er?“ als kindgerechte Information
Für wen
Träger. Sie tragen die Pflichten und haften bei Vorfällen. Sie buchen das Kernpaket für Ihre gesamte zweite Belegschaft, unabhängig davon, welcher Dienstleister das Personal stellt.
Dienstleister. Sicherheits-, Reinigungs-, Catering- und Hausmeisterservices, die Personal in dieses Arbeitsfeld entsenden und einen für Dritte nachvollziehbaren Qualifikationsnachweis brauchen.
Pädagogische Teams. Nicht Zielgruppe der Stufen 1 und 2, aber in Stufe 3 beteiligt: Rollen lassen sich nur gemeinsam klären.
Unsere Haltung dazu
Diese Qualifizierung rechtfertigt den Einsatz von Sicherheitsdiensten nicht. Sie knüpft ihn an Bedingungen. Erfolg ist für uns, wenn weniger eingegriffen und perspektivisch weniger Sicherheitsdienst gebraucht wird.
Am Anfang jedes Auftrags steht ein Selbstcheck mit zehn Prüffragen. Er belehrt nicht, sondern lässt Ihre Leitung selbst prüfen, welche Bedingungen erfüllt sind. Jede offene Bedingung beschreibt zugleich den Auftrag. Wo ein Sicherheitsdienst fehlendes pädagogisches Personal ersetzen oder Hausregeln durchsetzen soll, raten wir vom Einsatz ab und nehmen keinen Auftrag an.
Was diese Qualifizierung nicht ist
- Keine Traumapädagogik-Ausbildung. Die zertifizierte Weiterbildung nach FVTP und DeGPT umfasst mindestens 150 Unterrichtseinheiten und setzt einen einschlägigen Grundberuf voraus, über den diese Berufsgruppen nicht verfügen.
- Kein Ersatz für Personalausstattung, für Supervision der Fachkräfte oder für die therapeutische Versorgung der jungen Menschen.
- Kein Ersatz für die Schulung zum Schutzkonzept. Sie ergänzt diese um das Verstehen und die Handlungsebene.
- Keine Rechtsberatung. Rechtsbaustein und Muster-Arbeitsmittel sind fachlich ausgearbeitet und im Einzelfall mit Ihrer Rechtsberatung abzustimmen.
Formate
Inhouse-Kernpaket Stufe 1, der zutreffende Zweig der Stufe 2 und die gemeinsame Stufe 3 in Ihrer Einrichtung, Gruppengröße sechs bis zwölf Personen, schichtdiensttaugliche Blöcke; einschließlich der Arbeitsmittel.
Stufe 1 einzeln Ein Tag inhouse für die gesamte Belegschaft, ausdrücklich als Sensibilisierung und nicht als Befähigung.
Offener Kurs Stufe 1 und der jeweilige Zweig der Stufe 2 für Dienstleister, trägerübergreifend.
Einarbeitungsmodul Vier Unterrichtseinheiten live-online für neu hinzukommende Mitarbeiter, ohne dass das Gesamtpaket erneut beauftragt werden muss.
Auffrischung Halber Tag, vor Ort oder live-online, halbjährlich.
Begleitung Fallsupervision, Transfergespräch mit der Leitung nach drei Monaten und die jährliche Wiederholung des Selbstchecks als einzeln buchbare Bausteine.
Rahmen
Das vollständige Angebot erhalten Sie nach dem kostenfreien Erstgespräch, in dem wir den Selbstcheck gemeinsam durchgehen.